"Das unerschrockene Wort" 2021 geht an Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa

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Gemeinsame Pressemitteilung Bund der Lutherstädte vom 02.12.2020

Bund der Lutherstädte zeichnet drei weißrussische Bürgerrechtlerinnen für ihren Einsatz für Demokratie und Freiheit aus:

"Das unerschrockene Wort" 2021 geht an Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa

Der Bund der 16 Lutherstädte in Deutschland vergibt den Lutherpreis "Das unerschrockene Wort" 2021 an die drei weißrussischen Bürger-rechtlerinnen Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Ko-lesnikowa. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird im kommenden Jahr anlässlich der sich zum 500. Mal jährenden Widerrufsverweigerung Martin Luthers am 24. April in Worms verliehen. Die Entscheidung für die drei weißrussischen Freiheitsaktivistinnen fiel bei einer coronabedingt online durchgeführten Jurykonferenz der 16 Mitgliedstädte am 7. No-vember dieses Jahres.

In den Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus formierte sich eine landesweite Oppostion, die von drei Frauen angeführt wird: Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa entfachten eine Protestwelle gegen den amtierenden (und schließlich unter höchst zweifelhaften Umständen wiedergewählten) Präsidenten Alexander Lu-kaschenko und den von ihm geschaffenen Unrechtsstaat. Inzwischen musste Zepkalo nach Polen fliehen, Tichanowskaja befindet sich im Exil in Litauen, Kolesnikowa wurde inhaftiert. Die Proteste halten nach wie vor an und immer wieder sind es Frauen, die mutig ihre Stimme für Menschenrechte, freie Meinungsäußerung und freie Wahlen erheben.

"Diese drei Frauen stehen stellvertretend für tausende von friedlich demonstrie-renden Menschen, die derzeit für politische Veränderungen in Weiss-russland kämpfen. Sie stehen für eine friedliche Revolution, für Neuwah-len und für eine demokratische Zukunft ihres Landes. Wie die Nachrich-ten zeigen, riskieren sie dafür Verfolgung, Haft, Folter und Abschiebung. Auch wenn die drei Frauen in Detailfragen zur Zukunft von Belarus nicht immer die gleichen Positionen vertreten, stehen sie untrennbar zusam-men, denn die letztendlichen Entscheidungen für eine Zeit nach der Herrschaft von Alexander Lukaschenko soll nach demokratischen Wah-len das Volk treffen", so die Jury in ihrer Begründung.

Mit dem Preis "Das unerschrockene Wort" honorieren die Lutherstädte die Entschlossenheit, das mutige Auftreten und den friedlichen Widerstand gegen Ungerech-tigkeit und Unterdrückung.

Zitat Svetlana Tichanowskaja, Preisträgerin:
Es ist mir eine große Ehre, zusammen mit meinen liebsten Freundinnen Maria Kolesnikowa und Weronika Zepkalo den Lutherpreis "Das Uner-schrockene Wort" zu erhalten. Ich betrachte diesen Preis als eine Leis-tung des gesamten belarussischen Volkes, das seit mehr als 100 Tagen friedlich für Demokratie und Bürgerrechte kämpft, trotz des unnachgiebi-gen Terrors der autoritären Regierung. So wie deutsche Städte in der Vergangenheit ein Umfeld pflegten, das dem bürgerlichen Fortschritt und der intellektuellen Leistung förderlich war, dienen große Städte in Bela-rus als Motoren für das Streben Weißrusslands nach Veränderung.

Zitat Oberbürgermeister Christian Thieme, Zeitz:
"Anders als in Weißrussland sehen wir uns in Deutschland mit der Situa-tion konfrontiert, dass autoritäre antidemokratische Kräfte Freiheitsrechte für ihre Selbstgeltungs-Zwecke missbrauchen und dadurch versuchen, Chaos zu stiften. Auch wenn ihre Parolen laut und einfach sind, ist ihr Wort keineswegs "unerschrocken", auch wenn sie dies beharrlich be-haupten. Umso wichtiger ist es, dass Auszeichnungen wie "Das uner-schrockene Wort" deutlich machen, worum es tatsächlich geht: Es geht darum, mutig für seine Überzeugungen einzustehen und friedlich dafür zu kämpfen. Es geht aber auch darum, konstruktiv für positive gesell-schaftliche Entwicklungen einzustehen und vor allem Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. All das trifft auf die Preisträgerinnen zu. Ich gratuliere sehr herzlich zu dieser verdienten Auszeichnung und hoffe sehr, dass "Das unerschrockene Wort" aufgrund seines Bekanntheits-grades und seiner Reichweite die demokratischen Bestrebungen in Weißrussland beflügeln kann."

Zitat Oberbürgermeister Adolf Kessel, Worms:
"Der Preis der Lutherstädte würdigt die zentrale Bedeutung des freien Wortes, das der Wahrheit verpflichtet ist und für ein freiheitliches demo-kratisches Gemeinwesen steht. Ob Engagement gegen Rechtsextremis-mus, Rassismus, politische oder gesellschaftliche Unterdrückung - die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger haben auf unterschiedliche Weise Mut bewiesen und sich so die Auszeichnung "Das unerschrocke-ne Wort" verdient. Es ist mir eine besondere Freude, dass der 13. Preis anlässlich des Jubiläums "500 Jahre Wormser Reichstag" im kommenden Jahr 2021 in unserer Stadt an Weronika Zepkalo, Swetlana Tichan-owskaja und Maria Kolesnikowa verliehen wird, die heute so standhaft sind wie damals Martin Luther vor Kaiser und Reich."

Im Bund der Lutherstädte sind 16 Orte in Deutschland zusammenge-schlossen, an denen Luther gelebt oder gewirkt hat. Sie würdigen mit der Auszeichnung Personen, die Zivilcourage zeigen und sich in einer be-sonderen Situation, aber auch beispielhaft über einen längeren Zeitraum hinweg, mit Wort, Tat und Mut gegen Widerstände für die Gesellschaft einsetzen.


Im Andenken an das Wirken Martin Luthers wird "Das unerschrockene Wort" seit 1996 alle zwei Jahre in einer der Lutherstädte vergeben. Der Preis 2019 ging an die Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş. Die 55-jährige Berlinerin mit türkisch-kurdischen Wurzeln kämpft für die Rechte muslimischer Frauen, für einen liberalen Islam und gegen politisch-religiösen Extremismus in Deutschland und Europa. Der Preis erinnert an den Mut und die Standhaftigkeit des Reformators, als dieser sich auf dem Reichstag zu Worms 1521 weigerte, seine Ansichten zu widerrufen und daraufhin geächtet wurde.

Jede der 16 Lutherstädte kann einen Kandidaten oder eine Kandidatin aus dem In- oder Ausland für den Preis nominieren. Aus diesen ermittelt die Jury - bestehend aus den Vertreterinnen und Vertretern der Städte und weiteren Personen des öffentlichen Lebens - die gemeinsame Preisträgerin bzw. den Preisträger.

Zum Bund der Lutherstädte gehören Marburg, Augsburg, Coburg, Eisen-ach, Eisleben, Erfurt, Halle (Saale), Heidelberg, Magdeburg, Nordhausen, Schmalkalden, Speyer, Torgau, Wittenberg, Worms und Zeitz.

Foto: Ehemalige Franziskanerklosterkirche Zeitz (c) Böttger - Hier predigte Marthin Luther 1542.

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