Käselieb/Keeselieb (Sagengestalt)

Käselieb
Eine Sage rankt sich um die kleine Sandsteinfigur an einem Pfeiler über der Süd-Empore des Doms St. Peter und Paul auf dem Gelände der Moritzburg:

Zur Zeit des mächtigen und berühmten Kaisers Otto lebte in Rasberg ein wendischer Bauer mit Namen Käselieb. Seine Frau war früh gestorben, und er lebte zusammen mit seiner einzigen Tochter auf einem Bauerngut. Käselieb war ein frommer Christ, seine Tochter aber bewahrte den Glauben an die alten Götter ihres Volkes. Oft zog es sie in den heiligen Hain bei Haynsburg, um dort zu beten und dem Priester beim Opfern behilflich zu sein. Ihr Vater war darüber sehr betrübt. Er hätte sie gar zu gern mit in die christliche Kirche genommen. Immer wieder versuchte er, sie zurückzuhalten, wenn sie nach Haynsburg gehen wollte. Aber vergebens. Da begab er sich eines Tages schweren Herzens nach Zeitz zum Priester Boso. Dem klagte er sein Leid, und er bat den Gottesmann um Rat und Hilfe. Boso hätte am liebsten Käseliebs Tochter zu sich bestellt und ihr ernstlich ins Gewissen geredet, dass sie doch endlich von ihrem alten Glauben lassen sollte. Doch Käselieb versprach sich davon keinen Erfolg. Er wollte aber gern ein gutes Werk tun, damit seiner Tochter ihre schwere Sünde vergeben werden möge. Damit war Boso gern einverstanden. Damals war die Schlosskirche gerade im Bau. Es fehlte an Geld, und es konnten nur wenige Arbeiter und Fuhrleute beschäftigt werden. Die Bauarbeiter kamen daher nicht recht vorwärts. Nun forderte Boso den unglücklichen Rasberger Bauersmann auf, Steine zum Bau des Gotteshauses heranzufahren. Käselieb erklärte sich freudig bereit; Lohn begehrte er nicht. Schon am folgenden Tage war er mit seinem Gespann zur Stelle. Fortan war niemand beim Bau so fleißig wie er. Von früh bis spät schaffte er Steine herbei. Um seine Wirtschaft in Rasberg kümmerte er sich nicht mehr. Damit er mit seiner Tochter leben konnte, verkaufte er ein Feld nach dem andern, dazu auch nach und nach all sein Vieh. Als die Kirche fertig war, war Käselieb ganz arm. Zur Einweihung des neuen Zeitzer Gotteshauses erschien auch Kaiser Otto. Auf seinem Ritt hierher kam er mit seinem Gefolge durch den Hain bei Haynsburg und sah dort das steinerne Bild des wendischen Gottes stehen. Der Kaiser ergrimmte sehr und schleuderte seinen Spieß mit aller Kraft nach dem Bild. Polternd fiel das Haupt des Götzen herab und traf Käseliebs Tochter, die sich hinter dem steinernen Bild verborgen hatte. Sie war sofort tot. In Zeitz ließ sich Kaiser Otto vom Priester Boso die neue Kirche zeigen. Da sah er in der Tür einen Bauern stehen; der hielt eine Peitsche und eine Deichselwaage in seinen Händen.
Es war Käselieb. Boso erzählte nun dem Kaiser wie dieser fromme Bauer unermüdlich beim Bau der Kirche geholfen habe und dabei so arm geworden sei, dass er nichts mehr besitze als das, was er in seinen Händen halte. Kaiser Otto war gerührt über solche Frömmigkeit und gab dem verarmten Manne so viel Geld, dass er sich einen anderen Bauernhof kaufen konnte. Außerdem befahl der Kaiser, ein Steinmetz solle in der Kirche zum ewigen Andenken ein Bild des frommen Käselieb meißeln. Das geschah auch. Käselieb hätte nun glücklich und zufrieden leben können; aber wenige Tage nach der Einweihung der Kirche brachten wendische Männer die Leiche seiner Tochter zu ihm. Da wurde er tief betrübt und verbrachte seine letzte Lebenszeit in Trauer.
Noch heute können wir ihn in Stein gehauen in der Schlosskirche sehen. An einem Pfeiler über der Empore befindet sich die kleine, nur dreißig Zentimeter hohe buntbemalte Steinfigur. Auf einem daneben angebrachten steinernen Schriftband lesen wir die Worte: "Ich heyse Keeselieb."

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